27/2017 Die Produktion der Hassan-Tasche

Die Ausstellung „Die Produktion der Dinge“ fand von September 2016 bis Mai 2017 im Grazer Museum für Geschichte statt und behandelte traditionelles steirisches Handwerk anhand von 25 ausgewählten Objekten aus der kunsthistorischen Sammlung.
tag.werk, selbst ein Handwerksbetrieb, wurde zur Ausstellung eingeladen und in weiterer Folge ergab sich eine Kooperation, bei der der tag.werk-Jugendliche Hassan aus gespendeten Leinwänden des Museums ein Taschenmodell entwarf und in drei verschiedenen Größen umsetzte: die Hassan-Tasche. Drei Exemplare dieser Tasche fanden ihren Weg zurück zum Museum für Geschichte und in die Kunsthistorische Sammlung.
Gertraud Zuckerstätter führte das Gespräch mit dem Jungdesigner.

Wie kam es zu der Tasche?
Hassan: Zuerst überlege ich mir den Grundschnitt, das Design folgt dann automatisch im Kopf. Ich versuche auch, praktische Lösungen ins das Design zu integrieren (z.B. Handytasche), dazu nehme ich mir auch etwa eine halbe Stunde Zeit zum Nachdenken. So entsteht das Modell Schritt für Schritt.

Hast du Vorbilder?
Hassan: Nein, eigentlich nicht. Ich speichere viele Ideen, die ich sehe und die mir gefallen und setze sie in meinem Kopf neu zusammen.

Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft vor?
Hassan: Mein Wunschberuf ist Modedesigner. Ich möchte gerne Kleidung für Damen und Herren anfertigen. Früher hätte ich mir nie gedacht, dass ich jemals Taschen nähen möchte, aber die Arbeit im tag.werk hat mein Interesse geweckt. Mittlerweile gefällt mir die Arbeit gut und ich könnte mir auch vorstellen, nach dem tag.werk weiterhin Taschen zu designen. Ich bin mir auf jeden Fall sicher, dass ich weitermachen möchte. Das Taschendesign im tag.werk ist ein erster Schritt.

Du bist ja auch nicht ohne nähtechnische Vorkenntnisse ins tag.werk gekommen?
Hassan: Stimmt. Ich habe im Iran gelebt und war dort in einer kleinen Schneiderei als Hilfsarbeiter beschäftigt. Meine Aufgaben bestanden aber nicht nur in Änderungsarbeiten, sondern ich habe alle Arten von Kleidungsstücken vom T-Shirt über Hosen bis zum Sakko aus verschiedensten Stoffen genäht.

Seit drei Jahren bist du nun in Österreich. Wie hast du den Weg ins tag.werk gefunden?
Hassan: Zuvor war ich kurz bei Heidenspass und in der FAB Produktionsschule. Dann habe ich von Bekannten vom tag.werk gehört und habe auf täglicher Basis hier angefangen. Da ich mehr arbeiten wollte, erhielt ich die Möglichkeit, zu start2work zu wechseln.

Was gefällt dir am tag.werk bzw. am Projektzweig start2work?
Hassan: Besonders gefällt mir, dass ich meine Ideen hier weiterentwickeln und umsetzen kann. Hier habe ich die Möglichkeit, mich auszuprobieren und meine Nähkenntnisse zu vertiefen. Natürlich ist es auch super, überhaupt eine Arbeit zu haben und Geld zu verdienen.

Macht dir die Arbeit hier Spaß?
Hassan: Ja, sehr! Wenn die Arbeit langweilig wäre, würde ich nicht kommen wollen. Aber ich komme immer sehr gerne her, auch die anderen Jugendlichen sind sehr nett. Ich habe hier schon sehr viel gelernt, ich konnte meine Nähkenntnisse vertiefen und experimentieren. Das wichtigste aber ist, dass ich hier an Selbstvertrauen gewonnen habe. Ich habe gelernt, dass ich in der Lage bin, selbstständig und ohne Hilfe ein eigenes Taschenmodell zu entwerfen und zu nähen, dabei eine logische Reihenfolge zu entwickeln. Ich glaube jetzt an mich und meine Fähigkeiten, das ist schön.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
Hassan: Ich würde gerne eine Ausbildung zum Schneider machen. Mein Wunsch wäre es daher, eine Lehrstelle zu finden. Falls mir dies nicht gelingen sollte, möchte ich selbstständig als Designer weiterarbeiten. Das Problem hierbei ist aber, dass ich mir erst das Wissen dazu aneignen muss und dass es mir an Startkapital fehlt. Der Plan B wäre eine Lehre als Fliesenleger, denn darin habe ich im Iran ebenfalls erste berufliche Erfahrungen gemacht. Vielleicht auch eine Lehre als Koch, damit ich mir selbst etwas zubereiten kann (lacht).

Du hast mittlerweile schon mehrere Taschenmodelle entworfen. Woher nimmst du deine Inspiration, wie kommst du zu deinen Ideen?
Hassan: Während der Arbeit denke ich nicht sehr viel nach. Meine Ideen kommen vor dem Schlafengehen, manchmal rauben sie mir sogar den Schlaf! Am nächsten Tag probiere ich meine Ideen dann aus und versuche, sie sinnvoll umzusetzen. Ich halte mich dabei auch nicht an Modetrends, die interessieren mich nur in Bezug auf meine eigene Kleidung (lacht). Was die Taschen angeht, trage und designe ich das, was mir gefällt.

Zeichnest du auch viele Entwürfe?
Hassan: Nein, ich zeichne nicht, das gefällt mir nicht. Ich bin der Meinung, man kann auch ohne zu zeichnen Designer sein, weil man seine Ideen im Kopf hat.

 

 

Merken

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentare sind geschlossen.